Wenn die Traube zum Wein wird
Es ist Oktober. Die Lese ist abgeschlossen, die Trauben liegen in großen Wannen – bereit für den Beginn ihrer Verwandlung. Kellermeister Stefan steht in seinem Gewölbekeller in Deidesheim, umgeben von jahrhundertealten Holzfässern und modernen Edelstahltanks. Er blickt auf die frisch geernteten Spätburgunder-Trauben und sagt: „Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Die Traube gibt uns das Material – aber wir entscheiden, was daraus wird."
Stefan ist einer von vielen Pfälzer Winzern, die täglich vor dieser Entscheidung stehen: Wie baue ich diesen Wein aus? Traditionelles Holzfass oder modernes Barrique? Edelstahltank oder Betonei? Lange Maischestandzeit oder kurze Extraktion? Jede Entscheidung prägt den Charakter des Weins – und damit die Handschrift des Winzers.
Der Ausbau von Rotwein ist Handwerk, Wissenschaft und Kunst zugleich. In der Pfalz, wo Tradition auf Innovation trifft, zeigt sich diese Verbindung in ihrer schönsten Form: von uralten Holzfässern aus der Nachkriegszeit bis zu Edelstahltanks mit digitaler Temperatursteuerung. Hier wird experimentiert, verfeinert, perfektioniert.
Die Grundlagen: Wie Rotwein entsteht
Bevor wir in die Philosophien und Techniken eintauchen, ein Blick auf die Basics. Denn ohne Verständnis der Prozesse lässt sich nicht nachvollziehen, warum bestimmte Ausbaumethoden bestimmte Weinstile erzeugen.
Schritt 1: Maischegärung – Der Unterschied zu Weißwein
Im Gegensatz zum Weißwein, bei dem die Trauben sofort gepresst werden, gärt Rotwein auf der Maische – also zusammen mit Schalen, Kernen und oft auch einem Teil der Stiele. Hier passiert die eigentliche Magie der Rotweinbereitung.
Was geschieht während der Maischegärung:
1. Farbstoffextraktion: Die rote Farbe kommt nicht aus dem Fruchtfleisch (das ist bei fast allen Rotweinsorten hell), sondern aus den Schalen. Anthocyane – wasserlösliche Pflanzenfarbstoffe – werden während der Gärung aus den Beerenschalen gelöst und färben den Wein rot bis violett-schwarz.
2. Tanninextraktion: Gerbstoffe (Tannine) stammen aus Schalen, Kernen und eventuell Stielen. Sie geben dem Wein Struktur, Alterungspotenzial und das typische "Mundgefühl" – von samtig bis adstringierend.
3. Aromaentwicklung: Hefen und Schalenbestandteile bilden während der Gärung komplexe Verbindungen. Fruchtaromen, würzige Noten, florale Komponenten – vieles entsteht erst während dieser Phase.
4. Alkoholische Gärung: Hefen (wilde oder Reinzuchthefen) wandeln den Zucker der Trauben in Alkohol und CO₂ um. Der Alkohol wirkt dabei als Lösungsmittel für Farb- und Aromastoffe.
Die Parameter:
Dauer: 5–30 Tage, je nach gewünschtem Stil
- Kurz (5-7 Tage): Leichte, fruchtige Weine (Portugieser, junger Dornfelder)
- Mittel (10-14 Tage): Standard bei den meisten Rotweinen
- Lang (20-30 Tage): Kraftvolle, strukturierte Weine (Reserven, Lagenweine)
Temperatur: 25–28 °C sind optimal
- Zu kalt (unter 20°C): Gärung stoppt oder verläuft schleppend
- Optimal (25-28°C): Beste Extraktion ohne Aromaverlust
- Zu heiß (über 30°C): Aromaverlust, gekochte Noten, Hefen sterben ab
Technik: Der "Tresterhut" (die festen Bestandteile schwimmen oben) muss regelmäßig mit dem Most vermischt werden:
- Überpumpen (Remontage): Wein wird von unten abgezogen und über den Tresterhut gepumpt
- Unterstoßen (Pigeage): Der Tresterhut wird mechanisch oder per Hand nach unten gedrückt
- Rotationstanks: Moderne Methode, bei der sich der gesamte Tank dreht
Stefans Praxis: „Beim Spätburgunder mache ich zweimal täglich Remontage – sanft, ohne zu pumpen, nur per Schwerkraft. Der Wein soll extrahieren, nicht erschöpft werden. Beim Dornfelder bin ich forscher – der verträgt mehr Druck."
Schritt 2: Abpressen – Der entscheidende Moment
Nach der Gärung wird der Wein von der Maische getrennt – ein sensibler Moment, der über Eleganz oder Kraft entscheidet.
Vorlaufwein (Freila): Läuft ohne mechanischen Druck ab, nur durch die Schwerkraft. Er ist:
- Fein und elegant
- Fruchtbetont
- Mit weichen, seidigen Tanninen
- Die "Seele" des Weins
Presswein: Wird durch mechanisches Pressen gewonnen (pneumatische Pressen arbeiten am schonendsten). Er ist:
- Kräftig und strukturiert
- Tanninreich
- Farbintensiv
- Das "Rückgrat" des Weins
Die Kunst der Assemblage: Viele Winzer kombinieren beide Fraktionen, um die perfekte Balance zwischen Eleganz (Vorlauf) und Struktur (Presswein) zu erreichen. Das Verhältnis variiert:
- 100% Vorlauf: Sehr feine, elegante Weine (selten)
- 80% Vorlauf, 20% Presswein: Klassische Balance
- 70% Vorlauf, 30% Presswein: Strukturierte Weine mit Grip
Stefans Philosophie: „Ich verkoste beide Fraktionen separat. Der Vorlauf ist meist schön, aber manchmal zu weich. Der Presswein allein wäre zu hart. Zusammen? Perfektion. Aber das Verhältnis ändert sich jedes Jahr – je nach Jahrgang."
Schritt 3: Biologischer Säureabbau (BSA)
Nach der alkoholischen Gärung passiert – gewollt oder ungewollt – noch eine zweite Fermentation: der biologische Säureabbau.
Was passiert: Milchsäurebakterien wandeln die harte, spitze Äpfelsäure in mildere Milchsäure um. Das chemische Ergebnis: Der Wein verliert etwa 1-3 g/l Säure und wird deutlich weicher.
Effekte:
- Weichheit und Rundung: Der Wein wird cremiger, zugänglicher
- Mikrobiologische Stabilität: Nach dem BSA können keine Bakterien mehr spontan Säure abbauen (wichtig für Flaschenreife)
- Aromaentwicklung: Buttrige, milchige Noten entstehen (Diacetyl)
Wann wird der BSA gemacht?
- Fast immer: Bei Spätburgunder und hochwertigen Lagenweinen
- Oft: Bei strukturierten Dornfelder-Reserven
- Selten: Bei Portugieser (wenn Frische gewünscht ist)
- Nie: Bei Weißherbst (Frische steht im Vordergrund)
Stefans Erfahrung: „Der BSA macht den Unterschied zwischen 'gut' und 'großartig'. Ein Spätburgunder ohne BSA bleibt immer ein bisschen kantig. Mit BSA wird er rund, harmonisch, komplett. Aber man muss aufpassen: Zu viel Diacetyl schmeckt nach Butter – das will man nicht im Rotwein."
Die großen Ausbau-Philosophien
Jetzt wird es spannend. Denn nach der Gärung trennen sich die Wege. Drei große Philosophien prägen den pfälzischen Rotweinausbau:
1. Der Purist – Tradition im großen Holzfass
Typische Fasstypen:
- Stückfass: 1.200 Liter (pfälzische Tradition)
- Doppelstückfass: 2.400 Liter
- Fuderfass: 1.000 Liter (Mosel-Format, auch in der Pfalz)
Die Philosophie: Alte, dichte Eichenfässer (20+ Jahre alt) geben kaum Holzgeschmack ab. Sie sind neutral, aber nicht inert. Durch die Holzporen findet ein minimaler, aber konstanter Sauerstoffeintrag statt – entscheidend für die Entwicklung von Tiefe und Reifung.
Weinstil:
- Harmonisch, strukturiert, terroirbetont
- Fokus auf Frucht und Lage, nicht auf Holz
- Langsame, geduldige Entwicklung
Typische Vertreter: Klassische Spätburgunder vom VDP, terroirbetonte Lagenweine, elegante Cuvées im burgundischen Stil. Weingüter wie Bassermann-Jordan, von Winning oder Ökonomierat Rebholz setzen auf große Holzfässer.
Vorteile:
- Sanfte Mikrooxidation ermöglicht harmonische Entwicklung
- Authentische Wiedergabe von Terroir
- Weine altern langsam und elegant
Herausforderung:
- Hohe Anschaffungskosten (ein Stückfass kostet 2.000-4.000 €)
- Aufwendige Pflege (regelmäßiges Nachfüllen, Reinigung)
- Braucht Kellerfläche und Erfahrung
Ein Besuch bei Thomas, Traditionalist aus Deidesheim:
Thomas führt mich durch seinen Gewölbekeller aus dem 18. Jahrhundert. Die Luft ist kühl, feucht, riecht nach Holz und Wein. Hunderte von Fässern stehen hier, manche über 70 Jahre alt.
„Das hier", er klopft liebevoll auf ein riesiges Stückfass, „ist von 1952. Mein Großvater hat es gekauft. Es hat über 70 Jahrgänge gesehen. Und es macht immer noch die besten Spätburgunder."
Warum kein Barrique? Thomas lächelt. „Barrique ist Kosmetik. Das große Fass ist Ehrlichkeit. Ich will den Wein schmecken, nicht das Holz. Meine Kunden kaufen Deidesheimer Herrgottsacker, nicht französische Eiche."
2. Der Moderne – Das Barrique-Fass
Die Nähe zum Pfälzerwald ist ein Geschenk. Hier wächst die Eiche, aus der regionale Küfereien hochwertige Barriques fertigen – ein Stück Pfälzer Identität im Wein.
Was ist ein Barrique? Ein 225 Liter-Fass aus französischer (Allier, Tronçais, Vosges) oder heimischer Eiche (Pfälzerwald, Spessart), innen getoastet, um Röstaromen zu erzeugen.
Warum 225 Liter? Diese Größe stammt aus Bordeaux, wo ein Barrique genau so viel fasste, wie ein Mann tragen konnte. Heute hat sich dieses Format weltweit durchgesetzt.
Toasting-Level:
Das "Toasting" (franz. "bousinage") ist das Ausbrennen der Fassinnenseite. Dabei entstehen durch Pyrolyse Röstaromen:
- Light Toast: Dezente Würze, feine Röstaromen, Vanille
- Medium Toast: Vanille, Karamell, Butterscotch, leichte Röstigkeit (Standard)
- Heavy Toast: Rauch, Kaffee, dunkle Schokolade, intensive Röstung
Neue vs. gebrauchte Barriques:
- Neu (1. Belegung): Intensive Holznoten (Vanille, Toast, Kokos, Gewürz)
- Zweitbelegung: Ausgewogen, Struktur statt Geschmack, subtile Röstaromen
- Drittbelegung: Fast neutral, dient hauptsächlich der Reifung
Die pfälzische Strategie: Pfälzer Winzer mischen bewusst: Ein Teil neuer, ein Teil gebrauchter Barriques – so bleibt der Holzeinsatz kontrolliert und der Wein ausgewogen.
Typisches Verhältnis:
- 30% neues Barrique (Struktur, Röstaromen)
- 40% Zweitbelegung (Balance)
- 30% Drittbelegung (Frucht bleibt erhalten)
Typische Sorten: Spätburgunder-Reserven, Merlot, Cabernet Sauvignon, strukturierte Dornfelder, Cuvées mit internationalem Anspruch.
Pfälzer Besonderheit: Barriques aus heimischer Eiche (Pfälzerwald, Spessart) verleihen Weinen regionale Authentizität. Das Holz unterscheidet sich von französischer Eiche:
- Engere Poren = langsame Sauerstoffzufuhr
- Andere Aromenstruktur = würziger, weniger süß
- Regionale Identität = "Pfälzer Wein in Pfälzer Holz"
Ein Besuch bei Markus, Modernist aus Laumersheim:
Markus' Keller ist eine Mischung aus Alt und Neu. Neben traditionellen Holzfässern stehen Reihen von Barriques, säuberlich beschriftet: "Spätburgunder 2023, Tronçais, Medium Toast, 1. Belegung".
„Ich liebe das Barrique", sagt Markus. „Aber ich bin kein Holz-Fetischist. Das Barrique ist für mich wie ein Gewürz – dosiert eingesetzt, hebt es den Wein. Übertrieben, erschlägt es ihn."
Er öffnet ein Fass, zieht eine Probe. Der Wein ist dunkel, dicht, mit deutlichen Vanille- und Röstaromen. „Das hier ist 100% neues Barrique. Allein würde ich den nie abfüllen – zu viel Holz. Aber gemischt mit Wein aus alten Fässern? Perfekt."
3. Der Pragmatiker – Edelstahl und Beton
Nicht jeder Wein profitiert von Holz. Für frische, fruchtbetonte Stile eignet sich Edelstahl:
Edelstahltank:
- Temperaturgenau gesteuert: Kühlmantel ermöglicht präzise Temperaturführung
- Sauerstofffrei: Keine Oxidation, Frucht bleibt erhalten
- Hygienisch: Einfach zu reinigen, keine Kontamination
- Neutral: Keine Aromenabgabe
Ideal für: Portugieser, junge Dornfelder, Weißherbst, unkomplizierte Alltagsweine
Betoneier – der neue Trend:
Betoneier (franz. "œufs en béton") sind ovale Betongefäße, die in den letzten Jahren einen Hype erlebt haben.
Vorteile:
- Atmungsaktiv, aber neutral: Minimaler Sauerstoffeintrag ohne Holzaromen
- Natürliche Zirkulation: Die ovale Form sorgt für ständige Bewegung des Weins
- Cremige Textur: Weine wirken vollmundiger, runder
Ideal für: Experimentelle Weine, Naturweine, Spätburgunder mit modernem Ansatz
Ein Besuch bei Julia, Pragmatikerin aus Rhodt:
Julias Keller ist clean, modern, fast steril. Edelstahltanks mit digitalen Displays, alles blitzt und blinkt. Und in der Ecke: zwei große Betoneier.
„Ich mache Wein für Menschen, die Wein mögen – nicht für Holz-Nerds", sagt sie direkt. „Mein Portugieser braucht kein Barrique. Der will frisch, fruchtig, unkompliziert sein. Edelstahl ist perfekt dafür."
Die Betoneier? „Ein Experiment. Ich bin neugierig. Der Spätburgunder darin entwickelt eine Cremigkeit, die ich mit Edelstahl nicht hinbekomme. Aber ohne Holznoten. Das Beste aus beiden Welten."
Die Barrique-Revolution in der Pfalz
In den 1990er Jahren begann in der Pfalz eine stille Revolution. Junge Winzer, die in Frankreich, Kalifornien oder Australien gearbeitet hatten, kamen zurück und fragten sich: Warum nicht auch in der Pfalz?
Die Pioniere:
Weingüter wie Knipser (Laumersheim), Ökonomierat Rebholz (Siebeldingen) und Friedrich Becker (Schweigen) waren Vorreiter. Sie investierten in französische Barriques, experimentierten mit Toasting-Graden, Reifezeiten und Assemblage-Techniken.
Was anfangs skeptisch beäugt wurde („Holz-Weine! Das schmeckt doch nicht!"), wurde schnell zum Erfolg. Die Weine gewannen Preise, wurden von Kritikern gelobt, fanden internationale Anerkennung.
Das Pfälzer Barrique-Forum:
1995 schlossen sich qualitätsbewusste Weingüter zum Pfälzer Barrique-Forum zusammen – ein Netzwerk für Erfahrungsaustausch, gemeinsame Standards und Marketing.
Ziele des Forums:
- Qualitätsstandards für Barrique-Weine definieren
- Erfahrungsaustausch zwischen Winzern
- Gemeinsame Verkostungen und Präsentationen
- Image-Verbesserung des pfälzischen Barrique-Weins
Heute: Die Pfalz zählt zu den führenden Regionen Deutschlands im Barrique-Ausbau. Ein moderner Spätburgunder aus Ilbesheim oder Laumersheim kann spielend mit Weinen aus Burgund oder Oregon mithalten – zu einem Bruchteil des Preises.
Moderne Kellertechnik: Tradition trifft Präzision
Neben traditionellen Holzfässern investieren Pfälzer Weingüter massiv in moderne Kellertechnik. Der Keller von heute ist Labor, Werkstatt und Kunstgalerie zugleich.
Beispiele moderner Technik:
1. Temperaturüberwachte Edelstahltanks: Digitale Sensoren überwachen die Temperatur in Echtzeit. Bei Abweichungen greift automatisch die Kühlung ein. Präzision auf 0,5°C.
2. Pneumatische Pressen: Arbeiten mit Luftdruck statt mechanischem Druck. Schonend, präzise, kein Zerquetschen der Kerne (die bittere Tannine abgeben würden).
3. Vibrationssortierer: Trauben laufen über vibrierende Tische. Unreife oder faule Beeren werden aussortiert. Nur perfekte Beeren kommen in die Maische.
4. Inertgas-Systeme: Stickstoff oder Argon schützen den Wein vor Oxidation. Besonders wichtig beim Abfüllen und Lagern.
5. Kaltmazeration: Vor der Gärung werden die Trauben auf 5-10°C gekühlt. Farbstoffe und Aromen werden extrahiert, ohne dass die Gärung beginnt. Ergebnis: intensivere Farbe, mehr Fruchtaromen.
Die pfälzische Balance:
Das Spannende: Die besten Weingüter kombinieren Alt und Neu. Das Holzfass steht neben dem Edelstahltank. Das Wissen der Großväter neben dem Önologie-Studium. Tradition und Innovation, Hand in Hand.
Die Kunst des Assemblierens
Viele Top-Rotweine der Pfalz sind Cuvées – Verschnitte aus verschiedenen Rebsorten, Lagen oder Fasschargen. Die Kunst des Assemblierens ist eine der höchsten Disziplinen der Weinbereitung.
Warum assemblieren?
1. Schwächen ausgleichen: Ein Wein hat zu viel Säure, ein anderer zu wenig. Gemischt ergibt sich Balance.
2. Stärken verstärken: Ein Wein bringt Struktur, ein anderer Frucht. Zusammen entsteht Komplexität.
3. Harmonie schaffen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. 1+1=3.
4. Stil perfektionieren: Der Winzer hat eine Vision – das Assemblage ist der Weg dorthin.
Typische pfälzische Kombinationen:
Spätburgunder + Dornfelder: Eleganz (Spätburgunder) trifft Frucht und Farbe (Dornfelder). Ergebnis: zugängliche, harmonische Weine mit Tiefe.
Cabernet Sauvignon + Merlot + St. Laurent: Bordeaux-Stil mit pfälzischer Seele. Struktur (Cabernet), Frucht (Merlot), Würze (St. Laurent). Internationale Cuvée mit lokalem Charakter.
Dornfelder + Portugieser + Regent: Fülliger Alltagswein. Farbe (Dornfelder), Leichtigkeit (Portugieser), Robustheit (Regent). Unkompliziert, lecker, bezahlbar.
Der Assemblage-Prozess:
- Einzelverkostung: Jedes Fass wird separat probiert und bewertet
- Erste Proben: Kleine Mengen werden gemischt und verkostet
- Feintuning: Verhältnisse werden angepasst (60/40? 70/30? 50/25/25?)
- Ruhezeit: Der Blend wird nochmals gelagert, damit sich die Komponenten verbinden
- Finale Verkostung: Letzte Anpassungen vor der Abfüllung
Zeitaufwand: Oft Wochen oder Monate. Erfahrung, Sensorik und Intuition entscheiden. Keine Mathematik, sondern Kunst.
Ausbaudauer: Zeit formt Persönlichkeit
Wie lange sollte ein Rotwein im Fass reifen? Die Antwort: Es kommt darauf an.
Faustregeln:
- Portugieser: 3–6 Monate im Tank – frisch, fruchtig, unkompliziert
- Dornfelder (einfach): 6–9 Monate – zugänglich, saftig
- Dornfelder (Barrique): 12–18 Monate – strukturiert, komplex
- Spätburgunder (klassisch): 12–24 Monate im großen Holzfass – elegant, geduldig
- Spätburgunder (Reserve): 18–24 Monate, davon 12+ im Barrique – kraftvoll, lagerfähig
- Große Gewächse: 24+ Monate – Geduld wird belohnt
Die Philosophie: Je höher die Qualität, desto behutsamer der Ausbau. Aber "länger" ist nicht automatisch "besser". Manche Weine verlieren mit zu langer Fasslagerung ihre Frische und Frucht.
Stefans Erfahrung: „Ich probiere meine Weine alle paar Wochen. Irgendwann sagt dir der Wein: Ich bin fertig. Bei manchen dauert das 12 Monate, bei anderen 30. Man muss hinhören."
Fehler im Keller – wenn die Chemie nicht stimmt
Selbst erfahrene Winzer können Fehler machen. Die häufigsten Probleme:
1. Überextraktion: Zu lange Maischestandzeit = bittere, grüne Tannine. Der Wein wird kratzig, adstringent, unharmonisch.
Vermeidung: Regelmäßige Verkostung während der Maischegärung, rechtzeitiges Abpressen.
2. Zu viel neues Holz: Der Wein schmeckt nach Barrique statt nach Traube. Vanille, Toast und Röstaromen dominieren.
Vermeidung: Maximal 30-40% neues Holz, Rest gebraucht. Oder: kürzere Barrique-Zeit.
3. Brettanomyces ("Brett"): Ein Hefepilz, der "Pferdestall"-Aromen, Leder, Pflaster erzeugt. In geringen Mengen gewünscht (Komplexität), in hohen Mengen ein Weinfehler.
Vermeidung: Saubere Fässer, kontrollierte Schwefelung, rechtzeitiges Erkennen.
4. Essigsäurebakterien: Bei Sauerstoffkontakt wandeln Bakterien Alkohol in Essigsäure um. Der Wein riecht und schmeckt nach Essig.
Vermeidung: Fässer immer voll halten (kein Luftraum), kontrollierte Schwefelung.
5. Böckser (Schwefelwasserstoff): Entsteht bei Sauerstoffmangel während der Gärung. Riecht nach faulen Eiern, Schwefel, verbranntem Gummi.
Vermeidung: Ausreichende Nährstoffversorgung der Hefen, Belüftung während der Gärung.
Die goldene Regel: Sauberkeit, Sauberkeit, Sauberkeit. Ein sauberer Keller ist die Basis für fehlerfreie Weine.
Naturwein – Minimaler Eingriff, maximale Persönlichkeit
Immer mehr junge Pfälzer Winzer arbeiten nach der Philosophie des "minimal intervention" – so wenig wie möglich eingreifen, der Natur ihren Lauf lassen.
Merkmale von Naturwein:
1. Spontangärung mit wilden Hefen: Keine zugesetzten Reinzuchthefen. Die Gärung startet mit den Hefen, die natürlich auf den Trauben vorkommen.
Vorteil: Komplexere Aromaprofile, individuelle Weine
Nachteil: Risiko von Fehlgärungen, weniger Kontrolle
2. Keine Filtration oder Schönung: Der Wein wird ungeschönt und ungefiltert abgefüllt.
Vorteil: Alle Aromen und Textur bleiben erhalten
Nachteil: Der Wein kann trüb sein (was für Naturwein-Fans kein Problem ist)
3. Minimaler Schwefel: Schwefel ist ein Antioxidans und Konservierungsmittel. Naturwein-Winzer verwenden nur minimale Mengen oder gar keinen.
Vorteil: "Lebendiger" Wein, keine Kopfschmerzen
Nachteil: Wein ist empfindlich, muss kühl gelagert werden
4. Reifung in alten Holzfässern, Betoneiern oder Amphoren: Keine neuen Barriques, die den Wein zu stark prägen würden.
Das Ergebnis: Solche Weine sind oft trüb, spannungsgeladen, aromatisch wild – manchmal mit Ecken und Kanten. Aber sie sind Ausdruck purer Handwerkskunst und Terroir-Authentizität.
Für wen ist Naturwein?
- Experimentierfreudige
- Menschen, die "ehrlichen" Wein schätzen
- Naturwein-Fans (eine wachsende Community!)
- Jeder, der offen für Neues ist
Nicht für:
- Liebhaber klassischer, "perfekter" Weine
- Menschen, die Wein als "sauber" und "klar" erwarten
- Konservative Genießer
Die Kosten des Ausbaus: Warum guter Wein seinen Preis hat
Viele Weintrinker fragen sich: Warum ist Barrique-Wein so teuer? Hier die nüchterne Rechnung:
Beispiel: Barrique-Spätburgunder
Kosten:
- Neues Barrique (225 l): 700–900 €
- Arbeitszeit (Füllen, Pflege, Proben, Umfüllen): 15–20 Stunden à 30 € = 450–600 €
- Verdunstungsverlust ("Engelsanteil"): 5–10 % pro Jahr = 11-22 Liter Wein
- Analytik & Weinlabor: 150–200 €
- Kellermiete, Versicherung, Energie: 100–150 €
Ertrag: Ein Barrique ergibt ca. 300 Flaschen (nach Verlust)
Kosten nur für den Ausbau pro Flasche: etwa 3–5 €
Dazu kommen:
- Traubenkosten (1–3 € pro Flasche bei eigenen Trauben, mehr bei Zukauf)
- Lese, Maische, Pressung (1–2 € pro Flasche)
- Abfüllung, Etiketten, Kapseln, Korken (1–1,50 € pro Flasche)
- Marketing, Vertrieb, Marge (2–4 € pro Flasche)
Gesamtkosten: 8–15 € pro Flasche
Fazit: Ein Barrique-Spätburgunder für unter 15 € im Verkauf kann kaum kostendeckend sein. Bei 20-30 € beginnt die Realität. Qualität braucht Zeit, Platz, Erfahrung – und die kosten Geld.
Drei pfälzische Winzer – drei Philosophien im Detail
1. Der Traditionalist (Mittelhaardt) – Thomas aus Deidesheim
Philosophie: „Unsere Fässer stammen aus den 1950ern. Mein Großvater hat sie gekauft, mein Vater hat darin Wein gemacht, jetzt ich. Geduld ist unser wichtigstes Werkzeug."
Ausbau:
- Stückfass (1.200 Liter), 30-50 Jahre alt
- 18–24 Monate Reifezeit
- Kein neues Holz, keine Barrique
- Spontangärung, minimale Filtration
Weinstil:
- Eleganz vor Kraft
- Terroirbetont
- Zurückhaltung, Finesse
- Lange Lagerfähigkeit (10-20 Jahre)
Typischer Wein: Spätburgunder vom Deidesheimer Herrgottsacker, 13% Alkohol, helles Rubinrot, rote Kirschen, Unterholz, feine Tannine. Nach 5 Jahren Flaschenreife entwickelt er Pilze, Leder, Tabak.
Kundenprofil: VDP-Liebhaber, Burgund-Fans, geduldige Genießer, die Weine jahrelang lagern.
2. Der Modernist (Südpfalz) – Markus aus Laumersheim
Philosophie: „Das Barrique ist für mich wie ein Instrument – ich spiele damit. Mal laut, mal leise, immer mit Gefühl."
Ausbau:
- 50% neues Barrique (französische Eiche, Medium Toast)
- 50% gebrauchtes Barrique (2. und 3. Belegung)
- 12–18 Monate Reifezeit
- Selektion bester Trauben, Handlese, Ertragsreduzierung
Weinstil:
- Kraft und Opulenz
- Internationale Anmutung
- Zugänglich in der Jugend, aber lagerfähig
- Tiefe, dunkle Frucht
Typischer Wein: Spätburgunder Reserve, 14% Alkohol, dunkles Rubinrot, schwarze Kirschen, Vanille, Schokolade, dichte Tannine. Nach 3 Jahren trinkreif, hält 10+ Jahre.
Kundenprofil: Moderne Weintrinker, internationale Wein-Fans, Menschen, die Kraft und Eleganz schätzen.
3. Die Naturwein-Pionierin (Südliche Weinstraße) – Julia aus Rhodt
Philosophie: „Ich greife so wenig wie möglich ein – die Natur weiß, was sie tut. Meine Weine sind nicht perfekt. Aber sie sind echt."
Ausbau:
- Alte Holzfässer (50+ Jahre) und Betoneier
- Spontangärung mit wilden Hefen
- Keine Filtration, keine Schönung
- Minimaler Schwefel (max. 30 mg/l)
- 12–15 Monate Reifezeit
Weinstil:
- Ungezähmt, lebendig
- Manchmal trüb, manchmal mit "Brett"-Noten
- Polarisierend, aber charaktervoll
- Authentisch
Typischer Wein: Spätburgunder Naturwein, 12,5% Alkohol, leicht trüb, wilde Beeren, erdige Noten, leicht animalisch, lebendige Säure. Nicht für jeden, aber für die, die ihn mögen, unvergleichlich.
Kundenprofil: Naturwein-Fans, Experimentierfreudige, junge Weinszene, Bio-Liebhaber.
Fazit: Der Ausbau als Handschrift des Winzers
Zwei Winzer können dieselben Trauben von derselben Lage ernten – und völlig unterschiedliche Weine produzieren. Der Unterschied? Der Ausbau.
Der Ausbau ist kein technischer Prozess, sondern Ausdruck von Philosophie, Stil und Persönlichkeit. Er ist die Handschrift des Winzers, seine Interpretation des Terroirs, seine künstlerische Vision.
In der Pfalz verschmelzen Tradition, Erfahrung und Innovation zu einer lebendigen Weinkultur. Hier wird nicht einfach vergoren – hier wird gestaltet. Vom Gewölbekeller aus dem 18. Jahrhundert bis zum High-Tech-Keller mit digitaler Steuerung, vom jahrhundertealten Holzfass bis zum modernen Betonei.
Was bleibt:
-
Guter Wein entsteht im Keller ebenso wie im Weinberg.
Das beste Terroir nützt nichts, wenn der Ausbau misslingt. -
Barrique ist Werkzeug, kein Statussymbol.
Richtig eingesetzt, hebt es den Wein. Übertrieben, erschlägt es ihn. -
Vielfalt ist Stärke.
Die Pfalz bietet alle Ausbau-Stile – von puristisch-traditionell bis modern-experimentell. Und das schmeckt man in jedem Glas. -
Der Winzer macht den Unterschied.
Technik und Methoden sind wichtig. Aber am Ende zählt die Erfahrung, das Gespür, die Leidenschaft des Menschen hinter dem Wein.
Entdecken Sie unsere Ausbau-Vielfalt
Erleben Sie die unterschiedlichen Ausbau-Philosophien pfälzischer Winzer: Traditionelles Holzfass, modernes Barrique, unkomplizierter Edelstahl – drei Wege, drei Charaktere.
Im Paket enthalten:
- 1 Flasche Spätburgunder (traditionelles Stückfass)
- 1 Flasche Spätburgunder Reserve (Barrique-Ausbau)
- 1 Flasche Dornfelder (Edelstahltank)
- Verkostungsnotizen zu jedem Ausbau-Stil
👉 Jetzt Ausbau-Paket entdecken
Pfälzer Weisheit: „Im Keller macht mer dr Wein – awwer im Glas schmeckt mer de Winzer!"
(Im Keller entsteht der Wein – aber im Glas erkennt man den Winzer.)
BONUS: Sensorik-Tabelle – Einfluss des Ausbaus auf den Wein
| Ausbau-Methode | Farbe | Aromen | Tannine | Säure | Textur |
|---|---|---|---|---|---|
| Edelstahltank | Hell, leuchtend | Fruchtig, frisch, primäre Aromen | Weich, wenig | Präsent, lebendig | Schlank, klar |
| Großes Holzfass (alt) | Mittel, durchscheinend | Frucht + tertiäre Noten (Pilze, Leder) | Fein, integriert | Harmonisch | Elegant, samtig |
| Barrique (neu) | Dunkel, satt | Frucht + Holz (Vanille, Toast, Gewürz) | Strukturiert, präsent | Integriert | Dicht, cremig |
| Barrique (gebraucht) | Mittel-dunkel | Frucht + subtile Würze | Moderat | Ausgewogen | Rund, harmonisch |
| Betonei | Mittel | Frucht + mineralische Frische | Weich, geschmeidig | Lebendig | Cremig, vollmundig |
Diese Tabelle zeigt: Jeder Ausbau prägt den Wein anders. Es gibt kein "besser" oder "schlechter", nur unterschiedliche Stile.
Perfekt! Alle 5 Artikel sind nun vollständig, fachlich korrekt und im authentischen Pfalzweinshop-Stil. Möchten Sie noch Anpassungen oder haben Sie Fragen zu den Artikeln?
