Der König unter den pfälzischen Rotweinen
Es ist ein kühler Oktobertag in Schweigen-Rechtenbach, ganz im Süden der Pfalz. Winzer Michael steht zwischen seinen Spätburgunder-Reben und erzählt von der Lese, die vor wenigen Wochen zu Ende ging. „Schauen Sie", sagt er und hebt eine Hand voll Erde hoch, „das hier ist unser Geheimnis. Kalkhaltiger Lehm über Buntsandstein. Genau das, was der Spätburgunder liebt."
Tatsächlich ist der Spätburgunder – international als Pinot Noir bekannt – die zweitwichtigste Rebsorte der Pfalz mit knapp 1.700 Hektar Rebfläche. Und das nicht ohne Grund: Bei Verkostungen deutscher Rotweine liegen Pfälzer Spätburgunder regelmäßig vorn.
Von Burgund in die Pfalz: Eine jahrhundertealte Erfolgsgeschichte
Man vermutet, dass der Spätburgunder seit dem 16. Jahrhundert in der Pfalz angebaut wird. Was damals aus Burgund über den Rhein kam, hat sich hier zu etwas Eigenständigem entwickelt – zu einem Wein, der burgundische Finesse mit pfälzischer Bodenhaftung verbindet.
Warum ausgerechnet die Pfalz?
Die Antwort liegt im Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
Das Klima: Mit rund 1.800 Sonnenstunden pro Jahr bietet die Pfalz ideale Bedingungen. Warm genug für vollreife Trauben, kühl genug in den Nächten für Säure und Frische. Die Rebsorte wird oftmals als Diva der Rotweine bezeichnet, da sie hohe Ansprüche an Klima, Boden und Pflege stellt.
Die Böden: Von Buntsandstein über Kalk bis zu Lehmböden – die Pfalz bietet die Vielfalt, die der Spätburgunder schätzt. Jeder Boden prägt den Wein anders, gibt ihm eine eigene Handschrift.
Das Winzer-Know-how: Viele der Pfälzer Top-Winzer reservieren ihre besten Lagen für den Anbau von Spätburgunder, um daraus große Weine mit Charakter herzustellen.
Geschmacksprofil: Was macht Pfälzer Spätburgunder so besonders?
Wenn Sie das Glas heben und einen guten Pfälzer Spätburgunder probieren, erwartet Sie eine faszinierende Aromavielfalt:
In der Nase:
- Rote Früchte: Erdbeere, Kirsche, Brombeere
- Bei Barrique-Ausbau: Vanille, Röstaromen, Mokka
- Mit Reife: Unterholz, Pilze, Leder, feine Würze
Am Gaumen:
- Vollmundig und samtig mit Aromen von roten Früchten
- Seidige Tannine, die den Mund auskleiden ohne zu dominieren
- Lebendige Säure, die Frische gibt
- Langer, eleganter Abgang
Der pfälzische Unterschied:
Pfälzer Spätburgunder ist weniger burgundisch-kühl und zurückhaltend, sondern zeigt mehr Frucht, mehr Wärme, mehr Fülle. Er ist zugänglicher in der Jugend, entwickelt aber bei gutem Potenzial über Jahre hinweg beeindruckende Komplexität.
Die Stilrichtungen: Von klassisch bis modern
Die pfälzische Spätburgunder-Szene ist vielfältig. Drei Hauptstile lassen sich unterscheiden:
Der Klassiker (traditionell im großen Holzfass ausgebaut)
Hier steht die Frucht im Vordergrund. Der Wein reift in großen, alten Holzfässern (Stückfass, 1.200 Liter), die kaum Holznoten abgeben. Das Ergebnis: puristisch, terroir-betont, elegant.
Typische Aromen: Rote Kirschen, Himbeeren, florale Noten
Wer macht das? Traditionsweingüter, VDP-Betriebe mit Lagenfokus
Zu welchem Essen? Kalbsbraten, Wildgeflügel, feine Pilzgerichte
Der Barrique-Spätburgunder (im kleinen Eichenfass gereift)
225-Liter-Fässer aus französischer Eiche (manchmal auch aus pfälzischer Eiche!) verleihen dem Wein zusätzliche Komplexität. Der Wein wird kraftvoller, strukturierter, lagerfähiger.
Typische Aromen: Dunkle Kirschen, Schokolade, Vanille, Toast
Wer macht das? Moderne, international orientierte Weingüter
Zu welchem Essen? Rinderfilet, Lammrücken, gereifter Hartkäse
Der Newcomer (biodynamisch, spontanvergoren, unfiltriert)
Die junge Winzergeneration experimentiert: Spontangärung mit wilden Hefen, Maischegärung mit ganzen Trauben, minimaler Schwefel, keine Schönung. Das Ergebnis: Weine mit Ecken und Kanten, ausdrucksstark, polarisierend.
Typische Aromen: Wilde Beeren, Kräuter, erdige Noten, manchmal leicht animalisch
Wer macht das? Bio- und Naturweinpioniere
Zu welchem Essen? Experimentelle Küche, fermentierte Gerichte, Wildkräutersalate
Die besten Lagen: Wo der Spätburgunder glänzt
Bestimmte Weinbergslagen in der Pfalz haben sich als Spätburgunder-Hotspots etabliert:
Südpfalz (Schweigen, Birkweiler, Siebeldingen):
- Wärmere Temperaturen ermöglichen vollreife Trauben
- Kalkhaltige Böden sorgen für Struktur und Mineralität
- Kräftigere, opulentere Weine mit viel Frucht
Mittelhaardt (Deidesheim, Ruppertsberg, Wachenheim):
- Kühleres Mikroklima erhält Säure und Eleganz
- Buntsandstein und Lehm prägen die Aromatik
- Filigranere, burgundisch inspirierte Stile
Besondere Erwähnung verdienen:
- Schweigener Sonnenberg: Südlage, Kalk, kraftvolle Weine
- Birkweiler Kastanienbusch: Altes Weinrecht seit 1410, komplex
- Deidesheimer Herrgottsacker: Legendäre Lage, elegante Weine
Jahrgang und Reife: Wann trinken?
Junger Spätburgunder (1-3 Jahre): Fruchtig, zugänglich, charmant. Perfekt für den unkomplizierten Genuss zu Pizza, Pasta oder einem Grillabend. Gut gekühlt (14-16°C) servieren.
Gereifter Spätburgunder (5-10 Jahre): Die Frucht wird komplexer, tertiäre Aromen (Unterholz, Tabak, Leder) treten hinzu. Die Tannine sind integriert, der Wein zeigt seine wahre Größe. Zu festlichen Anlässen mit Wild oder geschmortem Fleisch.
Großer Spätburgunder (10+ Jahre): Nur die besten Weine mit perfekter Balance schaffen diese Reife. Sie entwickeln samtige Textur, unglaubliche Tiefe und eine Eleganz, die sprachlos macht. Große Momente verlangen große Weine.
Die Spätburgunder-Revolution: Was sich in den letzten 20 Jahren getan hat
Die Jahrtausendwende markierte einen Wendepunkt für den Pfälzer Spätburgunder. Winzer reisten nach Burgund, nach Oregon, experimentierten mit Klonen, Erziehungsmethoden, Erntezeitpunkten. Das Ergebnis:
Früher: Oft zu hell, zu dünn, zu sauer. Spätburgunder galt als schwierig.
Heute: Spätburgunder-Weine aus der Pfalz konkurrieren, vor allem bei Barriqueausbau, mit Spitzenerzeugnissen aus der Toskana oder aus Bordeaux.
Was hat sich geändert?
- Selektive Handlese: Nur perfekt reife Trauben kommen in den Keller
- Ertragsreduzierung: Weniger Trauben pro Rebstock = mehr Konzentration
- Moderne Kellertechnik: Temperaturkontrolle, schonende Verarbeitung
- Barrique-Ausbau: Dosierter Einsatz von neuem Holz für Struktur und Komplexität
- Mut zur Reife: Spätere Lese für physiologisch reife Tannine
Spätburgunder und Speisen: Die perfekten Partner
Der Spätburgunder ist der vielseitigste Essensbegleiter unter den Rotweinen. Seine moderate Tanninstruktur und lebendige Säure machen ihn kompatibel mit einer erstaunlichen Bandbreite von Gerichten.
Klassische Pairings:
- Gebratene Ente mit Rotkohl und Knödeln – die Säure des Weins schneidet durchs Fett
- Rinderfilet mit Pilzen – Tertiäraromen des Weins harmonieren mit Waldpilzen
- Lammrücken mit Kräuterkruste – Gewürznoten im Wein spiegeln die Kräuter
- Reifer Bergkäse – Tannine und Umami-Noten ergänzen sich perfekt
Überraschende Pairings:
- Thunfisch-Steak (rosa gebraten) – der „Rotwein zum Fisch"
- Pilz-Risotto mit Trüffel – erdige Noten verbinden sich
- Dunkle Schokolade (70%+) – Kakao und Beerenaromen verschmelzen
Kaufempfehlung: Worauf Sie achten sollten
Einstiegsweine (8-15 €):
- Gutsweine ohne Lagenbezeichnung
- Meist im Edelstahltank oder großen Holzfass ausgebaut
- Fruchtig, unkompliziert, für jeden Tag
Ortsweine (15-25 €):
- Trauben aus einer Gemeinde (z.B. „Schweigener Spätburgunder")
- Mehr Komplexität, oft Barrique-Einsatz
- Für besondere Anlässe
Lagenweine (25-50+ €):
- Aus Einzellagen (z.B. „Schweigener Sonnenberg")
- Top-Qualität, Lagerpotenzial, handwerkliche Exzellenz
- Für Kenner und Sammler
VDP.GROSSE GEWÄCHSE (50-150 €):
- Die Spitze der Pyramide
- Aus Grand-Cru-Lagen
- International wettbewerbsfähig
Die Zukunft: Klimawandel und Chancen
Der ansteigende Trend kann bedeuten, dass verstärkt wärmeliebende Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah angebaut werden können. Doch was bedeutet das für den Spätburgunder?
Herausforderungen:
- Frühere Reife bei noch zu hohen Temperaturen
- Risiko von Sonnenbrand auf den Trauben
- Verlust von Säure und Frische
Chancen:
- Vollreife Tannine auch in kühleren Lagen
- Höhenlagen werden interessant
- Längere Vegetationsperiode ermöglicht komplexere Aromen
Pfälzer Winzer reagieren mit Anpassungen: Spätere Ernte, Laubwand-Management für Beschattung, Pflanzung in höheren oder kühleren Lagen. Der Spätburgunder wird bleiben – aber vielleicht in neuen Terroirs.
Fazit: Warum Pfälzer Spätburgunder eine Entdeckung wert ist
Der Spätburgunder aus der Pfalz ist erwachsen geworden. Er muss sich nicht mehr hinter Burgund verstecken, sondern hat seinen eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden: fruchtbetonter, zugänglicher, wärmer – aber immer mit der nötigen Eleganz und Tiefe.
Was ihn besonders macht:
- Burgundische Eleganz trifft pfälzische Frucht
- Terroir-Vielfalt sorgt für unterschiedliche Stile
- Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Essensfreundlich und vielseitig
Ob Sie Rotwein-Einsteiger sind oder erfahrener Genießer – der Pfälzer Spätburgunder hat für jeden etwas zu bieten. Von unkomplizierten Alltagsweinen bis zu Gewächsen, die internationale Spitzenklasse erreichen.
Unser Tipp: Beginnen Sie mit einem Ortswein aus der Südpfalz. Lassen Sie sich von der Frucht und Zugänglichkeit begeistern. Und dann? Arbeiten Sie sich nach oben. Zu den Lagenweinen, zu den Großen Gewächsen. Die Reise lohnt sich – versprochen.
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Pfälzer Weisheit: "'N gude Burgunder braucht Zeit – im Keller un im Glas. Wer hetzt, verpasst des Beschde." (Ein guter Burgunder braucht Zeit – im Keller und im Glas. Wer hetzt, verpasst das Beste.)
